Geboren wurde Angus am 31. März 1955 in Glasgow als jüngstes von acht Kindern. Acht. Allein das erklärt schon, warum aus ihm kein sensibler Songwriter wurde, wer am Esstisch nicht schnell war, verhungerte. 1963 packte die Familie ihren Scheiß und wanderte nach Australien aus. Neue Welt, neue Hitze, nervige Kängurus. Und Angus hatte nur eines im Kopf, Larm: der raus musste. In Sydney gründete er 1973 zusammen mit seinem Bruder Malcolm AC/DC. Zwei Brüder, eine verdammte Mission: Lärm machen, so laut, dass er wehtut. Was ihn zum Rock brachte, war kein Lifestyle, sondern Lärmbelästigung. Chuck Berrys Gitarre. Dieses dreckige, bissige Etwas zwischen Blues und totalem Kontrollverlust. Nicht sauber, nicht geschniegelt, sondern leicht kaputt. Für Angus war das pure Magie. Aber es gab ein Problem, er war klein. Sogar verdammt klein. Seine größte Herausforderung war nicht das Solo-Spiel, sondern nicht unter dem Gewicht der Gitarre zu kollabieren. Während andere Kinder fröhlich Sport machten, kämpfte Angus verbissen gegen Mahagoni, Stahl und die Gesetze der Physik.
In der Schule war er ein Paradebeispiel für talentierte Zeitverschwendung. Ein „Prize Truant“ (Meisterschwänzer), wie er es nennt. Wenn er mal auftauchte, war es ein gesellschaftlicher Super-GAU. Sein erster Schultag endete direkt mit einer öffentlichen Bloßstellung, bei der der Direktor alle rauchenden Schüler auf die Bühne zerrte. Malcolm stand natürlich dabei. Familienwerte im Hause Young: Wenn man schon Ärger bekommt, dann zusammen. Angus zog Schwierigkeiten an wie ein Magnet, zu viel Energie, zu wenig Geduld und eine Gitarre als einziges Ventil. Parallel dazu entdeckte er den Blues. Aber nicht dieses depressive Gejammer. Angus mochte den Blues mit Humor und Dreck unter den Fingernägeln. Muddy Waters war sein Mann. Songs über verlorene Frauen und absurde Lebensdramen, erzählt mit einem Augenzwinkern. Die Sprache war schräg, die Emotion stimmte. Angus lernte früh: Musik muss nicht perfekt sein. Sie muss echt sein. Als AC/DC starteten, rechneten sie mit allem, nur nicht mit Erfolg. Ihr Ziel war, die erste Woche zu überleben. Der Wendepunkt kam im April 1974 bei einem Open-Air in Sydney. Angus zog zum ersten Mal seine alte Schuluniform an.
Das Publikum schwankte zwischen Verwirrung und Systemausfall. Angus hatte nur einen Gedanken: „Wenn ich stillstehe, bin ich tot.“ Also bewegte er sich. Und hörte nie wieder auf. Wenn Angus heute über die Bühne rast, sieht das nicht nach Show aus, es sieht aus, als ob jemand einem Duracell-Hasen den 220-Volt-Stecker in den Arsch gesteckt hat. Und australische Pubs? Die waren keine Wellness-Tempel. Das Publikum war besoffen, aggressiv und hasste alles, was länger als drei Sekunden dauerte. Wenn eine Saite riss, wurde mit dem Rest weitergeprügelt. Einmal weigerte er sich aufzutreten, weil ein Typ mit einem Fleischerbeil durch den Saal tanzte. Malcolms Lösung? Er prügelte Angus auf die Bühne. Stille. Dann spielen und beten, dass der Typ mit dem Beil den Rhythmus mag. 1974 stieß Bon Scott dazu. Ein lebender Widerspruch mit mehr Energie als ein Atomkraftwerk. Er warnte Angus: „Was ich mache, machst du besser nicht.“ Gute Idee. Dann kam Highway To Hell. In Amerika sorgte das für Schnappatmung bei Bibeltreuen. Menschen standen mit Warnschildern vor den Hallen. Angus verstand die Aufregung nicht. Kurz danach starb Bon. Alkohol. Ende. Die Band stand vor der Frage: Aufgeben oder alles auf Null? Sie machten weiter. Back In Black wurde ein Denkmal.
Schwarzes Cover, die Glocke am Anfang, kein Pathos, nur purer Respekt. Brian Johnson kam, mit einer Stimme, als hätte jemand einem Lkw auf den Fuß geparkt. Perfekt. AC/DC wurde unsterblich. Angus blieb, was er immer war. Keine Balladen, kein Zeitgeist. Zu Hause spielt er fünf Minuten Blues, dann wird es ihm langweilig und er drückt wieder ab. Sobald der letzte Akkord verhallt ist, löst Angus sich in Luft auf. Er muss runterkommen, bevor sein System durchbrennt. Auf Tour wog er zeitweise unter 45 Kilo, nicht wegen irgendwelcher Rockstar-Exzesse, sondern weil die Nervosität ihn bei lebendigem Leibe auffraß. Die Schuluniform ist sein Schalter: Anziehen, alles vergessen, los geht’s. Manchmal vergisst er den Reißverschluss oder stolpert über seine Füße, aber sobald er die Saiten drischt, spielt er, als stünde der Sensenmann persönlich hinter ihm. Auf der Bühne gibt es kein Gestern und kein Morgen, nur das Adrenalin, das sein Steuer übernimmt. Wenn der Sound stimmt, ist es für den Teufelskerl die totale Ekstase. Wenn nicht? Dann fühlt es sich für ihn an, als hätte ihm jemand ein glühendes Eisen dorthin gerammt, wo die Sonne nicht scheint. Angus denkt auf der Bühne nicht.
Denken wäre bei diesem Tempo tödlich. Der Duckwalk ist kein einstudierter Tanz, er ist ein Reflex. Und genau deshalb funktioniert dieser 1,57 Meter große Duracell-Hase. Nach Back in Black hätten sie sich zur Ruhe setzen können, aber Angus kennt keinen Rückwärtsgang. Während es in den 80er zu viele Haarspray-Metal-Bands gab, blieben AC/DC der Fels in der Brandung. Alben wie The Razors Edge (1990) bewiesen: Ein Riff wie „Thunderstruck“ reicht aus, um eine neue Generation von Jüngern zu rekrutieren. Angus’ Spiel wurde nicht komplexer, es wurde ikonischer. Er wurde zum Fixpunkt des Universums. Während sich alles um ihn herum veränderte, blieb die Gibson SG und der Duckwalk die einzige Konstante, auf die man sich verlassen konnte. Die 2010er Jahre waren für die Band ein Ritt durch die Hölle. Zuerst erwischte es Malcolm. Der Mann, der den Rhythmus-Panzer fuhr, erkrankte an Demenz. Er vergaß seine eigenen Riffs, ein Schicksal, das bösartiger ist als jeder Horror-Streifen. Angus musste zusehen, wie sein großer Bruder, sein Mentor, langsam das Zeitliche segnet.
Dann drohten Phil Rudd wegen Morddrohungen fast 7 Jahre Knast, und Brian Johnson drohte die totale Taubheit. Jede andere Band wäre am Boden zerschmettert. In einem Moment des puren Wahnsinns holte Angus 2016 Axl Rose ans Mikrofon. Die Fans schrien „Verrat!“, aber Angus zog es durch. Warum? Weil die Show weitergehen muss, bis die letzte Röhre im Marshall-Turm explodiert. Und dann, als alle dachten, es sei vorbei, kamen sie 2020 mit Power Up zurück. Ein Album wie ein Mittelfinger an den Tod. Brian war zurück, die Eier waren zurück, und die Riffs klangen, als hätte Malcolm sie direkt aus der Hölle diktiert. Heute steht Angus Young oft als letztes Gründungsmitglied auf der Bühne, und er wirkt zerbrechlicher denn je, bis er den ersten Akkord anschlägt. In diesem Moment transformiert der 70-jährige Mann zurück in den 1,57 Meter großen Hochspannungsterroristen. Er spielt für Malcolm, er spielt für Bon, und er spielt für jeden Typen da draußen, der weiß, dass man sich seine Freiheit mit verzerrten Akkorden erkaufen muss. Er ist nicht mehr nur ein Gitarrist, er ist der Beweis, dass man dem Sensenmann so lange den Duckwalk vortanzen kann, bis er frustriert aufgibt.