Die Geschichte von Carlos Santana beginnt 1947 in Autlán de Navarro, Mexiko, und das nicht mit einer Gitarre, sondern mit der Disziplin einer Geige. Sein Vater, ein Mariachi-Musiker, prügelte ihm das Musikverständnis ein, bevor Carlos überhaupt wusste, wie man „Rebellion“ buchstabiert. Aber die Geige war zu brav, zu sauber. Als er die ersten Blues-Platten von B.B. King und T-Bone Walker hörte, begriff er: Er wollte keine Melodien spielen, er wollte Schreie loslassen. Mit acht Jahren tauschte er den Bogen gegen das Plektrum, und die Welt sollte nie wieder dieselbe sein. Als seine Familie in den 60ern nach San Francisco zog, prallten zwei Welten aufeinander. Carlos brachte den staubigen Rhythmus der Straßen von Tijuana mit in die Hochburg der Hippie-Bewegung. Während alle anderen im Haight-Ashbury-Viertel versuchten, mit LSD ihre Köpfe zu finden, fand Santana seinen Sound in der Verschmelzung von afrokubanischen Percussions und dem elektrischen Blues. 1966 gründete er die Santana Blues Band, und sie spielten im legendären Fillmore West so laut und so anders, dass selbst die hartgesottensten Acid-Junkies stehen blieben und zuhörten.
Dann kam 1969 das berühmt-berüchtigte Woodstock. Carlos Santana stand auf dieser Bühne, völlig jenseits von Gut und Böse (und laut eigener Aussage auf einer ordentlichen Dosis Meskalin), und lieferte mit „Soul Sacrifice“ ein Set ab, das das Fundament des Rock ’n’ Roll erschütterte. In diesem Moment wurde er vom Gitarristen zum Phänomen. Alben wie „Abraxas“ und „Santana III“ waren keine bloßen Musikveröffentlichungen; sie waren kulturelle Invasionen. Er brachte den Mainstream dazu, zu Rhythmen zu tanzen, die er eigentlich gar nicht verstand. Er machte den Latin-Rock nicht nur cool – er machte ihn unsterblich. In den 70ern, als andere Rockstars an ihrem eigenen Ruhm erstickten oder in Villen verrotteten, suchte Santana nach mehr. Er tauchte in die Jazz-Fusion ab, spielte mit Giganten wie John McLaughlin und suchte die Nähe zur Spiritualität. Er wurde zum Schüler von Sri Chinmoy, nannte sich „Devadip“ und suchte Gott in den Zwischenräumen seiner Noten. Für viele war das esoterischer Bullshit, für Carlos war es die einzige Möglichkeit, das Feuer am Brennen zu halten. Er sah die Gitarre nicht mehr als Instrument, sondern als Werkzeug für eine höhere Macht.
Ein musikalischer Schamane, der mit Sustain versucht, die Risse in der menschlichen Seele zu kitten. Doch so genial sein Spiel in den 70ern auch war, Carlos kämpfte jahrelang mit dem ewigen Dilemma: Du hattest entweder den Twang einer Fender oder den fetten Dampf einer Gibson. Er suchte die Perfektion, während er zwischen SGs und Yamahas wechselte, bis Anfang der 80er Paul Reed Smith auf der Bildfläche erschien. PRS sagte: ‚Scheiß drauf, wir nehmen beides.‘ Er lieferte Santana die goldene Mitte, eine Mensur von 25 Zoll, genau zwischen den Giganten. Das war die Lebensversicherung für seinen magischen Sound: genug Spannung für klare Töne, aber genug Flexibilität für Bends bis zum Abwinken. Während andere Gitarren wie launische Möbelstücke wirkten, war die PRS für ihn ab diesem Zeitpunkt das Präzisionswerkzeug, das seinen Mittensound ohne Feedback-Chaos einfing. Es war der Moment, in dem aus einem Suchenden ein Mann wurde, der endlich seine endgültige Waffe gefunden hatte.
Nach einer langen Durststrecke in den 80ern, in denen die Welt kurzzeitig vergaß, wie wichtig echte Leidenschaft ist, kam 1999 der ultimative Mittelfinger an alle Zweifler: „Supernatural“. Ein Album, das die Musikindustrie nicht nur dominierte, sondern förmlich auffraß. Acht Grammys in einer Nacht. Er bewies, dass ein alter Wolf keine neuen Tricks braucht, wenn er den Ton hat, der direkt ins Rückenmark geht. Heute, mit über 100 Millionen verkauften Platten und mehr Auszeichnungen, als man in ein Regal stellen kann, ist Carlos Santana weit mehr als eine Legende. Er ist eine Instanz. Er nutzt seine Milagro Foundation, um Kindern eine Chance zu geben, die er selbst nie gehabt hätte, und zeigt in Las Vegas Abend für Abend, dass Zeit eine Illusion ist, wenn man eine Mission hat. Sein Sustain ist immer noch so kristallklar wie 1969, und sein Ton ist immer noch das Einzige, was zwischen uns und der totalen musikalischen Bedeutungslosigkeit steht. Wer Carlos Santana hört, hört nicht nur Musik – er hört das Universum atmen, während es versucht, seinen Rhythmus zu finden.