Scott Ian wurde in Queens geboren, und wie bei jedem anständigen Kid aus New York begann alles mit der Band KISS. Make up, Flammen, Gitarren und Plateauschuhe, die man sich unbedingt mal von der Nähe betrachten sollte. Für Scott war das keine Band, das war seine Religion. Während andere Baseballkarten sammelten, hing bei ihm Gene Simmons an der Wand und flüsterte ihm ins Ohr: Kauf dir eine verdammte Gitarre oder du wirst dein Leben lang unglücklich sein. Scotty hörte zu. Zum Leidwesen für seine Nachbarn. Anfang der Achtziger kam dann die nächste Infektion. Die New Wave of British Heavy Metal. Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest. Plötzlich war Kiss nicht mehr nur cool, sondern harmlos. Scott wollte schneller spielen, härter, lauter. Keine Balladen. Keine Kompromisse. Einfach Riffs, die sich anfühlen wie ein Schlag mit dem Baseballschläger. In seinem Kopf war längst klar, was passieren musste: Er gründet eine Band. Nicht irgendwann. Jetzt. Und so entstand Anthrax. Keine Businessstrategie. Kein Masterplan. Einfach ein Haufen junger Typen mit jeder Menge Wut und zu wenig Schlaf.
1984 kam dann ihr erste Album, Fistful of Metal. Der Titel war keine Metapher. Das Album klang exakt so. Roh, brutal, direkt in die Fresse. Keine Einladung, eher eine Drohung. Die Szene nahm Notiz. Ein Jahr später Spreading the Disease. Noch schneller, noch aggressiver. Und dann Among the Living. Das Ding war der Durchbruch. Ab da war Anthrax nicht mehr einfach eine Band, sondern offiziell Teil der heiligen Vier. Metallica. Slayer. Megadeth. Und eben Anthrax. Die vier apokalyptischen Reiter des Thrash Metal. Wer da draußen noch dachte, Metal sei nur Lärm, bekam jetzt die Doktorarbeit dazu. Aber Scott Ian hatte ein Problem. Ihm war das alles zu normal. Zu vorhersehbar. Zu sehr Metal nach Baukastenprinzip. Also tat er das, was jeder halbwegs geistig stabile Mensch in seiner Situation tun würde. Er sprengte die Spielregeln. Erst gründete er Stormtroopers of Death. Metal plus Hardcore. Speak English or Die. Politisch komplett unkorrekt, musikalisch total irre, kulturell ein Erdbeben. Dann kam die nächste Grenzüberschreitung. Metal plus Rap. Bring the Noise mit Public Enemy. Zu einer Zeit, als Metal Fans Rap hassten und Rap Fans Metal verachteten.
Scott stellte beide Lager in denselben Raum, zündete ein Streichholz an und wartete was passiert. Das Ergebnis war einer der wichtigsten Crossover Tracks der Musikgeschichte. Und dann I’m the Man. Ein Song, der klang wie ein Insiderwitz, aber eigentlich eine Kriegserklärung an den Ernst der Szene war. Scott hatte begriffen, was viele nie verstanden haben: Metal darf brutal sein, aber er muss nicht humorlos sein. Man kann alles zerstören und dabei lachen. Während andere Bands im Studio verglühten, lebte Anthrax auf Tour. Über fünfzig Welttourneen. Zweiunddreißig Länder. Fünf Kontinente. Die Jungs waren weniger Musiker als reisende Naturkatastrophe. Wenn irgendwo eine Bühne stand, standen sie darauf. Wenn irgendwo Bier war, war es danach weg. Der Ruf als Tourprofis kam nicht von ungefähr. Anthrax spielten nicht Konzerte. Sie absolvierten Feldzüge. 2009 dann Sonisphere. Anthrax und Metallica gemeinsam auf der Bühne. Ein Jahr später das Unmögliche. Die Big Four vereint. Sieben Shows. Vier Bands. Ein kollektiver Nervenzusammenbruch für alle, die in den Achtzigern ihre Jugend verloren hatten. Das war kein Konzert. Das war ein Klassentreffen der Apokalypse.
Und während all das lief, saß Scott natürlich nicht still. Er gründete Pearl. Tourte mit Velvet Revolver und Meat Loaf. Dann The Damned Things. Eine Supergroup aus Leuten von Fall Out Boy, Every Time I Die und Anthrax. Das Album Ironiclast klang wie ein Rockalbum, das in einem Labor gezüchtet wurde. Zu catchy für Puristen, zu heavy für den Mainstream, genau richtig für alle, die keine Schubladen mehr sehen konnten. Nebenbei moderierte er The Rock Show auf VH1, tauchte in Behind the Music auf, spielte bei SuperGroup mit, schrieb Comics für DC, zockte professionell Online Poker und bewies damit endgültig, dass sein Gehirn niemals auf Standby schaltet. Und als andere nach dreißig Jahren Karriere anfangen, ihre eigenen Best of Alben zu remastern, brachte Scott mit Anthrax Worship Music raus. Zehntes Studioalbum. Kein Alterswerk. Keine Nostalgie. Einfach noch einmal volle Breitseite. Scott Ian ist kein Gitarrist, der Geschichte nacherzählt. Er ist einer, der sie umschreibt. Nicht, weil er muss. Sondern weil ihm sonst langweilig wird. Und im Metal ist Langeweile das einzige, was wirklich tödlich ist.