Marcelo Barbosa erblickte das Licht der Welt in Brasília. Einer Hauptstadt, die ungefähr so aufregend ist wie eine Inventur beim Finanzamt. Während die meisten von uns dort wahrscheinlich versauert wären, entschied Marcelo mit zwölf Jahren, dass sein Leben ein einziges langes Gitarrensolo werden soll. Geregelte Arbeitszeiten? Ein Chef, der ihm sagt, wann er kacken gehen darf? Vergiss es. Das war nie eine Option. Während normale Kids noch davon träumten, brasilianische Fußballstars zu werden, saugte Marcelo alles auf, was das Land an Rock zu bieten hatte. Und weil ihm das nicht reichte, sprang er direkt rüber zu den Schwergewichten: Bands wie Rush, Pink Floyd, die Beatles und Led Zeppelin. Das ist die ganz klassische Entwicklung eines Wahnsinnigen: Erst die lokalen Helden studieren und dann direkt den Olymp stürmen, um zu sehen, wie die Götter ihren verdammten Whisky Sour selbst mixen. Mit gerade mal siebzehn, einem Alter, in dem die meisten von uns noch versuchten, unfallfrei ein Bier zu öffnen, war Marcelo bereits Profi. Er gab Unterricht an zwei angesehenen Musikschulen, merkte aber schnell, dass er keinen Bock darauf hatte, irgendwelche Lehrpläne abzuarbeiten.
Er wollte nicht nur lehren, er wollte diktieren, wie es richtig gemacht wird. Anstatt also den sicheren Weg zu gehen, gründete er 1996 das GTR Guitar Institute. Kein halbherziger Gitarrenkurs im Keller, sondern eine Ansage an die gesamte Branche. Er entwickelte sein eigenes Konzept, seinen eigenen Lehrplan und hatte genau null Interesse daran, das zu kopieren, was schon existierte. Heute, über 4.000 Schüler später, betreibt er drei Standorte und ist das, was passiert, wenn man Disziplin mit purer Arroganz gegenüber dem Mittelmaß mischt: Unternehmer, Pädagoge und Weltklasse-Musiker in einer Person. Aber hier kommt der Punkt, an dem es richtig absurd wird: Anstatt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und das Geld zu zählen, entschied er, dass er selbst noch nicht gut genug war. Er studierte bei Legenden wie Greg Howe und Toninho Horta. 2002 der absolute Shit: Er bewarb sich am Berklee College of Music. Nur Zwölf von vierhundert Bewerbern bekamen ein Vollstipendium. Überraschung: Marcelo war einer davon. Die meisten Leute würden sich danach den Rest ihres Lebens darauf einen runterholen.
Marcelo? Er kam zurück nach Brasilien und drückte einfach noch fester aufs Gaspedal. Parallel dazu lief seine Band Khallice. Als 2003 das Debütalbum The Journey erschien, verlor die brasilianische Fachpresse komplett den Verstand und nannte sie „die beste Progressive Metal Band der Welt“. Das ist kein bescheidenes Lob, das ist die Champions League mit Goldmedaille. Es folgten Festivals, Touren und der ultimative Ritterschlag: Tagima brachte ein Signature Modell für ihn raus. Wer eine eigene Gitarre nach seinem Namen benannt bekommt, hat den Endgegner besiegt und das verdammte Spiel offiziell durchgespielt. 2007 wurde die Geschichte dann vollends zum Blockbuster. Er stieg bei Almah ein, der Supergroup um Edu Falaschi und Felipe Andreoli. Album des Jahres Awards, Welttourneen durch Amerika, Europa und Japan, Marcelo war überall. Und zwischendurch? Eröffnete er mal eben die Konzerte für Dream Theater, Symphony X, Guns N’ Roses und Iron Maiden. Andere hängen sich Poster dieser Bands ins Zimmer, Marcelo teilt sich mit ihnen das Catering und wahrscheinlich noch ein paar Groupies.
2015 passierte dann das Unvermeidliche: Kiko Loureiro ging zu Megadeth und hinterließ bei Angra ein schwarzes Loch, das groß genug war, um jeden untalentierteren Gitarristen zu verschlucken. Wer übernimmt diesen Job? Nur jemand, der keine Angst vor seinem Schatten hat. Marcelo übernahm den Thron. Damit ist er offiziell im Endgame der brasilianischen Musikwelt angekommen. Heute jongliert dieser Kerl Angra, Almah, sein Solozeug, internationale Workshops und eine Liste an Endorsement-Partnern, die länger ist als ein Steuergesetzbuch. Elixir, Mooer, Providence, alle stehen Schlange. Und Marcelo? Er zieht einfach durch, als wäre das alles völlig normal. Sein Fazit ist so simpel, dass es fast schon wehtut: Er macht das alles, weil er verdammt noch mal Bock drauf hat. Keine spirituelle Erleuchtung, kein esoterisches Geschwafel. Nur die brutale Kombination aus Talent, harter Arbeit und der absoluten Weigerung, jemals stillzusitzen. Marcelo Barbosa ist der lebende Beweis dafür, dass du im Leben entweder Ausreden sammelst oder Erfolge. Er hat sich offensichtlich für die Erfolge entschieden und pisst dabei wahrscheinlich mehr Charisma als wir alle.