Als Kind wollten seine Eltern, dass er ein anständiges Instrument lernt. Klavier. Klarinette. Irgendwas, das nach Musikschule, Karriere und sauberem Lebenslauf klingt. Marcus Siepen entscheidet sich mit elf für die klassische Gitarre, was vermutlich schon damals sein erster kleiner Akt der Rebellion war. Fünf Jahre lang quält er sich durch Notenlesen, Etüden und Disziplin in Krefeld, bis 1981 Black Sabbath in sein Leben platzt. Ab da übernimmt Tony Iommi die Erziehung. Die Klassik verschwindet schneller aus seinem Alltag als deine durchdachten Neujahrsvorsätze, und Iron Maiden laufen in Dauerschleife. Diese Twin Leads brennen sich ein, dazu kommen Randy Rhoads und Michael Schenker, und plötzlich ist klar: Das hier wird kein Hobby, das wird ein Lebensstil. Trotzdem merkt Siepen früh, dass er kein Typ für Zirkusnummern ist. Kein Shredder, kein Noten-Maschinengewehr.
Er ist ein verdammter Rhythmusgitarrist. Lieber ein Riff, das sitzt wie ein Vorschlaghammer, als hundert Noten ohne Seele. Genau deshalb feiert er bis heute Spieler wie David Gilmour, Mark Knopfler oder Joe Bonamassa. Leute, die einen Ton spielen und man weiß sofort, wer es ist. Persönlichkeit schlägt Geschwindigkeit. Immer. Mitte der Achtziger gründet er seine ersten Bands, wie es sich gehört: mit Kumpels, ständig wechselnden Namen, ständig wechselnden Besetzungen und exakt null relevanten Gigs. Zodiak, Redeemer, Prophecy, inklusive Demo, das heute glücklicherweise verschollen ist. 1986 landet er bei Lucifer’s Heritage. Die Band ist gut, die Songs funktionieren, das Label kommt, aber der Name ist ein Problem. Zu satanisch, zu Black Metal, zu missverständlich. Also wird während der Aufnahmen zum Debüt einfach umbenannt. Blind Guardian. Und plötzlich steht da eine der einflussreichsten Power-Metal-Bands Europas.
Innerhalb von Blind Guardian übernimmt Siepen die undankbarste, aber wichtigste Rolle: Er ist das Fundament. Während André Olbrich die Soli und Leads abfeuert, sorgt Siepen dafür, dass die Songs nicht auseinanderfliegen. Er ist der Typ, der nicht glänzt, sondern trägt. In späteren Jahren spielt er fast nur noch Rhythmusgitarre, nicht weil er es nicht anders könnte, sondern weil er genau weiß, was die Band braucht. Blind Guardian funktionieren nicht wegen Ego, sondern wegen Struktur. Nebenbei spielt er noch bei Demons & Wizards und steigt später bei Sinbreed ein. Der Einstieg ist typisch Siepen: kein Drama, kein großes Casting. Ein paar Gigs als Aushilfe, kaum Proben, Vorbereitung zwischen zwei Blind-Guardian-Shows in Südamerika, und trotzdem läuft alles. Als Sinbreed fragt, ob er fest einsteigen will, sagt er sofort ja. Musik macht Spaß, Live-Shows passen, niemand nervt. Deal. Technisch ist Siepen seit Jahrzehnten konsequent langweilig im besten Sinne.
Seit 1995 Mesa Boogie, lange Triple Rectifier, später Fractal Axe FX für die großen internationalen Bühnen. Gitarrenmäßig war er ewig bei ESP, heute bevorzugt er Gibson, vor allem Les Paul Custom und Standard, meistens mit EMG 81 oder Suhr Doug Aldrich Pickups. Keine Exoten, keine Trends, keine Boutique-Spielereien. Werkzeuge. Punkt. Privat ist er ähnlich nüchtern: geschieden, wiederverheiratet, ein Sohn. Katholisch aufgewachsen, heute nicht mehr religiös. Jesus sieht er eher als Philosophen denn als Gott, was eigentlich perfekt zu seinem ganzen Leben passt. Marcus Siepen ist kein Typ für große Reden, keine Rampensau, kein Rockstar im klassischen Sinne. Er ist der Beweis, dass Metal nicht von Posen lebt, sondern von Leuten, die wissen, wann sie zurücktreten müssen und wann sie das Fundament legen. Genau deshalb steht Blind Guardian da, wo sie heute stehen.