Lars Mikael Åkerfeldt wurde 1974 in Stockholm in eine stinknormale Arbeiterfamilie hineingeboren. Seine Mutter dachte wohl, er würde mal der netter Sänger von nebenan werden, weil er als Kind eine ziemlich saubere Stimme hatte. Sie hoffte auf Einflüsse wie Cliff Richard, aber Mikael hatte andere Pläne. Mit 12 Jahren hörte er das erste Mal Black Sabbath und das war’s dann mit der bürgerlichen Idylle. Er kaufte sich eine billige Les-Paul-Kopie und brachte sich das Gitarre-Spielen selbst bei, während er sich durch die Plattenkisten von Iron Maiden und Judas Priest wühlte. Schon damals zeigte sich seine Besessenheit: In den späten 80ern, während andere Teenager vermutlich versuchten, Mädchen zu beeindrucken, hockte Mikael in staubigen Kellern rum und gründete Bands wie Eruption. Mit 14 Jahren schrieb er seinen ersten "echten" Song namens „Abandon Life“, ein Titel, der schon damals klarmachte, dass wir hier nicht über Reggae reden. 1990 passierte das, was man heute eine schicksalhafte Fügung nennt. David Isberg gründete Opeth und lud Mikael als Bassisten ein. Das Problem? Er vergaß ganz nebenbei, seine aktuelle Band über die Neubesetzung zu informieren.
Als Mikael zur Probe auftauchte, gab es einen riesigen Streit, die komplette Besetzung warf das Handtuch und Mikael stand plötzlich mit Isberg alleine da. Aber anstatt aufzugeben, wechselte er zur Gitarre, schnappte sich das Mikro und übernahm nach Isbergs Abgang 1992 die totale Kontrolle. Mit dem Debüt Orchid (1995) schuf er ein Monster. Es war Death Metal, aber irgendwie anders: Es gab 10-minütige Songs, Klavierpassagen und Akustik-Gitarren. Mikael wurde zum Architekten eines neuen Sounds. Während dieser Zeit lieh er seine legendären Growls auch Projekten wie Katatonia und der Supergroup Bloodbath, wo er bewies, dass er die tiefsten und ekelhaftesten Töne der schwedischen Szene aus seinem Hals pressen konnte. In den 2000ern katapultierte Mikael Opeth in den Olymp. Die Zusammenarbeit mit Steven Wilson (Porcupine Tree) bei Blackwater Park war der Urknall für den modernen Progressive Metal. Mikael war nun der Typ, der im einen Moment wie ein Dämon klang und im nächsten eine Ballade sang, die dir das Herz rausreißt. Er trieb seine Band in den Wahn, wechselte Line-ups aus wie Unterwäsche und veröffentlichte mit Deliverance und Damnation zwei Alben gleichzeitig, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Eines so schwer wie ein Panzer, das andere so zerbrechlich wie Glas. Sein Status als Gitarrengott wurde 2004 zementiert, als ihn das Guitar World-Magazin unter die 100 besten Heavy-Metal-Gitarristen wählte. Aber Mikael wäre nicht Mikael, wenn er sich darauf ausruhen würde. Er begann, sich immer mehr in obskuren 70er-Jahre-Prog und Jazz-Fusion zu verlieren, was schließlich zu einem radikalen Bruch führte. 2011 war das Jahr, in dem viele "True Metal"-Fans ihre Kutten verbrannten. Mit Heritage schaffte Mikael die Growls komplett ab. Er hatte keinen Bock mehr auf die Erwartungen der Szene. Er wollte Hammond-Orgeln, Mellotrone und komplexe Rhythmen, die eher nach einem verrauchten Jazz-Club in den 70ern klangen als nach Wacken. Er zog sein Ding knallhart durch, veröffentlichte mit Steven Wilson das Ambient-Projekt Storm Corrosion und bewies, dass ihm kommerzieller Erfolg egal ist, solange die künstlerische Vision stimmt. Er wurde zum Kurator des guten Geschmacks, sammelte über 7.000 Vinyl-Platten (hauptsächlich obskuren Kram aus den 70ern) und lebte seine Liebe für Filmmusik aus, indem er 2022 den Soundtrack für die Netflix-Serie Clark komponierte.
Mikael war nun endgültig der „verrückte Professor“, der in seiner eigenen Welt lebte und nur ab und zu rauskam, um uns zu zeigen, wie weit man musikalische Grenzen ausweiten kann. Heute, über drei Jahrzehnte später, hat Mikael mit The Last Will & Testament ein Konzeptalbum geschaffen, das zeigt, dass er immer noch der verdammte Boss im Ring ist. Es geht um eine düstere Familiengeschichte im Jahr 1920, Verrat, Erbe und menschliche Abgründe. Und zur Überraschung aller sind die Growls zurück! Nicht weil die Fans genervt haben, sondern weil die Story nach Dreck und Brutalität verlangte. Er hat sogar seine Tochter Mirjam für Spoken-Word-Parts eingebaut und Jethro-Tull-Legende Ian Anderson dazu gebracht, Querflöte auf einem Metal-Album zu spielen. Mikael Åkerfeldt ist der lebende Beweis dafür, dass man sich nicht verkaufen muss, um eine Legende zu werden. Er ist ein gottesfürchtiger Atheist, ein besessener Sammler und ein Musiker, der Musik nicht spielt, sondern sie seziert. Wenn er mit seiner PRS Custom 24 auf der Bühne steht, weißt du nie, ob er dir gleich ein Schlaflied singt oder dein Gehirn mit einem 13/8-Takt püriert. Und genau so muss das sein.