Lee David Malia erblickte im Juni 1984 das Licht der Welt und das in Sheffield. Es ist einer dieser gottverdammten Orte, an denen der Himmel meistens wie eine ungewaschene Betonplatte aussieht. Der Wind schmeckt nach kaltem metallischen Stahl. Jeder zweite Teenager landet hier zwangsläufig in einer Band. Es ist die einzige Alternative gegen die totale geistige Verödung. Seine Eltern waren keine Musiker im klassischen Sinne. Aber sein Vater hatte mal versucht, die sechs Saiten zu zähmen. Das Resultat war eine Gitarre, die jahrelang ungenutzt in Lees Zimmer verstaubte. Sie war ein stummes Mahnmal. Und wie es das Schicksal als mieser Verräter so will, entfachte Lees Leidenschaft genau im falschen Moment. Das Erbstück war zu diesem Zeitpunkt schon längst für ein paar Pfund verscherbelt worden. Doch Lee ließ sich nicht aufhalten. Mit seinem Weihnachtsgeld in der Tasche stapfte er entschlossen in den nächsten Musikladen. Er krallte sich sein erstes eigenes Arbeitsgerät: eine Falcon Strat-Kopie. Das Teil war kein edles Sammlerstück. Es klang vermutlich eher nach Banjo als nach Stadionrock. Aber für Lee war es der ultimative Startschuss in eine andere Welt.
Von da an gab es kein Halten mehr. Er fraß sich wie ein Bohrer durch die Klassiker. Metallica, Dire Straits, Eagles und Pantera standen auf dem Plan. Er suchte nach allem, was nach purer Elektrizität und hartem Stahl klang. Seine ersten Meilensteine waren keine einfachen Kinderlieder. Er lernte direkt Schwergewichte wie „Enter Sandman“ und „Master of Puppets“. Wer mit solchen Riffs das Laufen lernt, überspringt die sanfte Phase. Es ist der direkte Frontalangriff. Aber Lee war ohnehin nie der Typ für halbe Sachen. Er wollte wissen, wie weit er den Verstärker aufreißen kann. Er wollte sehen, wann die Wände nachgeben. Auf der Stocksbridge High School kreuzten sich die Wege von Lee Malia und einem Typen namens Oliver Sykes. Damals war noch keine Spur von den Rockstars zu sehen, die später weltweit die Festivals abfackeln würden. Sie waren einfach nur zwei Kids in einer Stadt aus Stahl. Lee schrubbte Riffs in einer Metallica-Tribute-Band. Er wollte den Sound seiner Helden perfektionieren. Oli hingegen war der freakige Typ mit den ersten Tattoos, der verdammt nochmal größeres im Kopf hatte.
Es war eine klassische Kollision zweier Welten. Zusammen mit ein paar Gleichgesinnten hoben sie 2004 Bring Me The Horizon aus der Taufe. Der Sound der Truppe war anfangs ein brutaler Schock. Es klang, als würde ein rostiger Presslufthammer eine aggressive Emo-Therapie durchlaufen. Die Jungs fackelten nicht lange. Sie wollten raus aus den Garagen und rein in die Gehörgänge. Noch im selben Jahr prügelten sie ihre erste EP „This Is What The Edge Of Your Seat Was Made For“ raus. Es war der erste Beweis dafür, dass Sheffield einen neuen, gefährlichen Exportartikel hatte. Ab hier gab es kein Zurück mehr. Die Zündschnur brannte. 2006 folgte Count Your Blessings, das klang, als hätte jemand Deathcore mit einem Vorschlaghammer erfunden. 2008 kam Suicide Season, roher, wütender, aber mit dem ersten Hauch Melodie. Dann 2010 das Monster: There Is a Hell, Believe Me I’ve Seen It. There Is a Heaven, Let’s Keep It a Secret. Und ja, das war genauso bombastisch, wie der Titel lang ist. Während BMTH ihren Sound weiterentwickelten, von Deathcore zu Post-Rock zu „elektronischem Wahnsinn, der trotzdem funktioniert“, blieb Lee das stabile Rückgrat.
Sein Gitarrenspiel war der Zement zwischen all den musikalischen Explosionen. Und mit jeder Platte wurden die Hallen größer. 2013 „Sempiternal“, das Album, das sie endgültig in die Champions League katapultierte. 2015 „That’s The Spirit“, der Soundtrack für Stadionmoshpits. 2019 „Amo“, elektronische Experimente, Pop-Einflüsse, Riffs, die trotzdem knallten. 2024 „Post Human“: Nex Gen, futuristisch, düster, BMTH in Space. Währenddessen bastelte Lee weiter an seinem Sound und seiner Gitarrenliebe. Anfangs war er ein Ibanez-Typ, später zog er Epiphone und Gibson vor, mehr Gewicht, mehr Druck, mehr „scheiß auf filigran“. Er experimentierte mit Drop-A#, C-Standard und Bariton-Gitarren von PRS, nur um später seine eigene Waffe zu bekommen: die Jackson Lee Malia LM-87. Die Entwicklung dauerte drei Jahre. Zwei Prototypen, unzählige Touren, Schweiß, Feedback und ein Haufen „Das fühlt sich noch nicht richtig an“. Das Endergebnis: Ein mattschwarzes Biest mit offenporiger Lackierung, Graphit-verstärktem Hals und custom-gewundenen Jackson LM-87 Humbuckern.
Lee wollte, dass die Gitarre aussieht wie ein Vintage-Stück, das schon ein paar Kneipenschlägereien überlebt hat, nichts Glänzendes, nichts Steriles, einfach ehrlich. Neben seiner Bandleidenschaft ist Malia ein Gitarrennerd durch und durch. Seine Sammlung? Unter anderem eine 1982 Gibson Victory MVX. Eine 1979 Gibson The Paul, und eine Les Paul Artisan mit drei Pickups. Das Teil, das später Epiphones Lee Malia Custom inspirierte. Diese Schätze stehen sicher zu Hause. Auf Tour nimmt er sie nicht mit, weil, Zitat: „Ich bin nicht bescheuert.“ Aber Lee hat noch ein zweites Ventil gefunden: Filmmusik. Der kanadische Regisseur Adam MacDonald kam auf ihn zu, weil er das instrumentale Memorial auf dem dritten BMTH-Album gehört hatte. Und Lee dachte sich wohl: „Warum nicht?“ 2017 komponierte er den Score für den Horrorfilm Pyewacket, düster, atmosphärisch, voller Gänsehaut. 2024 folgte Out Come The Wolves, ein weiterer Soundtrack aus Malias musikalischem Paralleluniversum. Und während er an einem dritten arbeitet, sagt er selbst: „Filmmusik ist entspannter, keine Diskussionen, kein Ego, keine Drummer, die zu laut sind. Nur ich und die Stimmung.“
Wenn man Lee Malia beschreiben müsste, dann so: Ein Typ, der Metallica-Präzision, die ätherische Atmosphäre von Bon Iver und die stumpfe Gewalt von Cannibal Corpse-Riffs in einen Topf wirft. Er rührt das Ganze mit einer ordentlichen Portion britischer Melancholie um. Am Ende erschafft er etwas, das eigentlich nicht funktionieren dürfte, aber die Musikwelt komplett auf den Kopf gestellt hat. Lee ist kein Selbstdarsteller, der auf der Bühne „Schaut mich an!“ schreit, während er ein zweiminütiges Solo runterdudelt. Er ist der Typ, der lieber im Hintergrund die Songs schreibt, die dich am Ende vor Ekstase schreien lassen. Sein Spiel ist weniger Zirkus-Show und mehr architektonische Meisterleistung. Er baut Klangwände auf, die so massiv sind, dass man sie physisch spüren kann. Er lässt der Melodie den Raum zum Atmen, nur um sie im nächsten Moment mit einem tonnenschweren Riff zu beerdigen. Am Ende des Tages ist Lee Malia der Beweis, dass man kein lauter Schreihals sein muss, um die lauteste Band der Welt zu führen. Er bleibt der bescheidene Typ aus Sheffield, der lieber an seinen Pedalen tüftelt, als im Rampenlicht zu baden. Und das, mein Freund, ist vielleicht die ehrlichste Form von Rock ’n’ Roll, die man heute noch finden kann.