Bevor Andy Timmons in der Lage war, die Gitarre dazu zu bringen, zu weinen, zu schreien und dann höflich danke zu sagen, war er einfach ein 13-jähriger Junge aus Evansville, Indiana, der dachte: "Scheiße nochmal, ich will Rockstar werden." Leider wusste Andy ziemlich früh, dass das mit der Rockkarriere ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein Lottogewinn ohne Lottoschein. Also dachte er sich: Plan B, werde Studio-Profi. Und so nahm alles seinen Lauf. Klassische Gitarre? Check. Zwei Jahre davon, weil Bildung halt nicht nur was für Juristen ist. Jazz-Studium an der University of Miami? Auch check, immerhin waren da auch so Leute wie Pat Metheny und Jaco Pastorius durchmarschiert. Dann ging’s ab nach Dallas, wo Andy irgendwie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Studiojobs kamen rein. Die Finger wurden schneller. Und der Name Timmons wurde in Musikerkreisen zu einem Synonym für “Ach du Scheiße, ist der Typ auf Crack?” 1988 gründete er seine eigene Truppe: die Andy Timmons Band. Texas liebte ihn.
Dann kam Danger Danger, eine dieser Hair-Metal-Bands, die mit Haarspray und schmalzigen Refrains auf MTV durch die Decke gingen. Andy wurde rekrutiert, um das Debütalbum zu beenden, ein paar Videos zu drehen, mit KISS und Alice Cooper zu touren und ganz nebenbei über eine Million Platten zu verkaufen. Kein großes Ding, oder? Nach vier Jahren in New York hatte Andy allerdings von Haarspray und Chartplatzierungen die Schnauze voll. Zurück nach Dallas. Zurück zu echter Musik. Und zur Andy Timmons Band. Seine Soloalben sind ein wilder Ritt durch Genres: von blitzschnellen Instrumentals über bluesige Vibes bis hin zu Beatles- und Elvis-Costello-inspirierten Pop-Trips. „ear X-tacy“ (1994), „ear X-tacy 2“ (1997), „Pawn Kings“, „Orange Swirl“, „The Spoken and the Unspoken“ und das Doppelalbum „And-thology“, alles 1a feinste Gitarrenkunst. Dann kam das große Ding: ein Megadeal mit Steve Vais Label Favored Nations. Dort veröffentlichte er „That Was Then, This Is Now“ (2001), eine Art Greatest Hits mit neuen Tracks.
Danach: Resolution (2006) und das nerdig-geniale „Andy Timmons Band Plays Sgt. Pepper“ (2012), eine komplette Neuinterpretation des Beatles-Klassikers, bei der Paul McCartney wahrscheinlich kurz zu weinen begann. Aber Andy ist mehr als nur Solo-Künstler. Er ist ein verdammter Gitarren-Ninja, der bei Studiojobs mit Leuten wie Simon Phillips, Olivia Newton-John, Kip Winger, Paula Abdul und Paul Stanley die Hütte abgerissen hat. Und live? Er hat mit Göttern wie Steve Vai, Joe Satriani, Eric Johnson, Steve Morse, Mike Stern und sogar Ted Nugent die Bühnen dieser Welt gerockt. Ach ja, Beach Boys und Lesley Gore waren auch mal dabei, weil warum zur Hölle nicht?
Sein Signature-Instrument, die Ibanez ATZ300-BK, ist quasi eine Strat auf Steroiden, gebaut für einen Typen, der emotionale Melodien so locker raushaut, wie andere Leute WhatsApp-Nachrichten. In Japan wird er regelmäßig zu den Top 20 Gitarristen gewählt. In Dallas hat er den „Musician of the Year“-Award vier Jahre in Folge abgeräumt. Und wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt Gitarren-Workshops gibt, macht er genau das, was er am besten kann: Musik, die einem zeigt, dass Gitarrenspiel keine bloße Technik ist, es ist eine verdammte Sprache.