Kirk Lee Hammett erblickte an einem November 1962 in San Francisco das Licht der Welt. Von der ersten Sekunde an war er ein echtes Bay Area Produkt. Roh, widersprüchlich und leicht gefährlich für sich selbst und andere. Aufgewachsen in El Sobrante, einer Gegend, die nach billigem Fast Food, heißem Asphalt und latentem Frust roch, lernte er früh eine einfache Regel. Friss oder stirb! Seine Familie war ein genetisches Überraschungsei aus philippinischen, irischen, deutschen und schottischen Wurzeln. Ein kultureller Eintopf, der perfekt erklärt, warum Kirk freundlich grinst und musikalisch zuschlägt wie ein Vorschlaghammer. Der Vater war Seemann. Trinkfest. Nicht zimperlich mit Schlägen das Denkvermögen zu erhöhen. Die Mutter war eine warmherzige Filipina, die versuchte, das emotionale Trümmerfeld zusammenzuhalten. Genau zwischen diesen beiden Polen lernte Kirk, dass man Härte und Herz besser kombiniert als trennt.
Schon früh kristallisierten sich zwei Dinge heraus, die für ihn wichtiger waren als Schule, Benehmen oder soziale Verträglichkeit. Horror und Musik. Der Horror kam zuerst. Ganz klassisch durch einen völlig glücklichen Zufall. Mit fünf Jahren verstauchte er sich den Arm. Er wurde vor die Glotze verfrachtet. Dort lief „The Day of the Triffids“. Und zack. Sein Gehirn schaltete um auf Monsterbetrieb. Von da an war er verloren an Zombies, Dracula, Frankenstein und alles, was halb verwest, schleimt oder Menschen frisst. Während andere Kinder ihr Taschengeld für Zuckerbomben ausgaben, investierte Kirk in Horror Magazine. Stapelweise. Daraus entstand eine Obsession. Später wurde daraus eine Sammlung, bei der selbst Comicladen-Besitzer in Tränen ausbrachen. Die Musik kam über seinen Bruder Rick. Dessen Plattensammlung war für Kirk so etwas wie der heilige Gral. Hendrix. Led Zeppelin. UFO. Plötzlich war klar: Horror ist schon ziemlich geil.
Aber eine verzerrte Gitarre ist geiler. Also traf er eine Entscheidung, die weh tat. Er verkaufte seine geliebten Horrorhefte. Er kaufte Platten. Und irgendwann seine erste eigene Gitarre. Mit 15 stand er da. Eine Montgomery Ward Gitarre. So billig, dass der Verstärker aussah wie ein Schuhkarton mit Stromanschluss. Kein Mythos. Kein Charme. Einfach Müll. Aber Kirk meinte es ernst. Er holte sich bessere Gitarren. Erst eine Strat Kopie. Dann eine Gibson Flying V. Ab diesem Moment war aus dem Horror Kid ein Metalhead mit höllischer Mission geworden. Natürlich brauchte er für den richtigen Sound einen Marshall Amp. Und natürlich kam das Geld dafür nicht vom vom lieben Gott. Es kam von Burger King. Kirk stand am Grill. Wendete Pommes. Und investierte jeden fettigen Dollar direkt in seine Zukunft. Mit 16 gründete er Exodus. Eine Band so hungrig, roh und aggressiv wie ein Rudel Straßenhunde. Exodus wurde zur Keimzelle der Bay Area Thrash Szene.
Kirk war der verdammte Motor. Riff Lieferant. Und Namensdieb. Den Namen klaute er aus einem Roman von Leon Uris. Musikgeschichte aus geklautem Papier. Parallel dazu ließ er sich von Joe Satriani unterrichten. Ein Lehrer ohne Gnade. Genau deshalb perfekt. Satriani behandelte Kirks Spiel wie rohes Metall. Er jagte es durch das Feuer technischer Perfektion und schmiedete daraus eine bösartig Klinge, die scharf und gemein wie 10 war. Dann kam April 1983. Und mit ihm der Anruf, den man nur einmal im Leben bekommt. Oder auch nie. Metallica hatten Dave Mustaine rausgeworfen. Zu viel Alkohol. Zu viel Hirnfickerei. Sie brauchten dringend einen Ersatz. Kirk bekam den Anruf am 1. April. Er dachte erst, jemand wolle ihn verarschen. Tat aber niemand. Er stieg zum ersten Mal in ein Flugzeug. Flog nach New York, spielte Seek and Destroy vor. Kirk haute das Solo raus. Hetfield dachte nur: Problem gelöst. Exodus war erledigt. Metallica hatten ihren Mann.
Und Kirk war plötzlich Teil einer Band, die kurz davorstand, jede gottverdammte Hütte abzureißen, die im Weg stand. Seitdem lieferte er Riffs und Soli ab, die heute selbst Menschen kennen, die Metal eigentlich abgrundtief hassen. Creeping Death. Enter Sandman. Fade to Black. Einige Ideen schleppte er noch aus der Exodus Zeit mit. Der Aufstieg hatte trotzdem seinen Preis. 1986 verlor er im Tourbus ein Los gegen Cliff Burton. Es ging nur darum, wer wo schläft. In genau dieser Nacht verunglückte der Bus. Cliff starb. Kirk überlebte. Dieses banale Glücksspiel verfolgt ihn bis heute. Wie ein schlechter Horrorfilm ohne Abspann. In den Neunzigern wurde Kirk nachdenklicher. Er studierte asiatische Kunst und Film. Währenddessen füllte Metallica die größten Stadien der Welt. Er spielte angeblich 361 Tage im Jahr Gitarre. Er schlug so hart an, dass er sich ohne Tape um die rechte Hand regelmäßig selbst zerlegen würde.
Egal ob handgefertigte ESP Luxus-Schlitten mit Horror Grafiken, hocheffiziente LTD Serienmaschine für das arbeitende Volk oder alte Gibson. Er spielte, sis es verdammt nochmal weh tat. Er überlebte sogar die St Anger Zeit. Solos waren verboten. Innerlich wollte er vermutlich täglich jemanden erwürgen. Er blieb sich treu. Baute seine Horror Sammlung zur legendären Kirk’s Crypt aus. Schrieb Too Much Horror Business. Verlor 2015 ein Handy mit 250 Songideen. Hetfield rauchte eine fette Zigarre und lachte. Kirk machte trotzdem weiter. 2022 veröffentlichte er Portals. Ein Solo Projekt, das klar machte: Dieser Mann ist mehr als der Typ mit Wah Pedal bei Metallica. Er ist ein Komponist düsterer, cineastischer Klangwelten. Ein Bay Area Veteran. Surfer. Familienmensch. Ewiger Monsterjäger. Einer, der nie aufgehört hat, im Lärm nach Bedeutung zu suchen. Und der dabei verdammt nochmal Spaß daran hat, die Welt ein bisschen ungemütlicher zu machen.