Stell dir vor, du wirst 1989 in East Troy, irgendwo im gottverdammten Wisconsin geboren. 4.000 Einwohner. Ein Kaff, in dem man entweder lernt, Kühe zu melken, oder Traktor zu fahren. Jared wuchs in einem Haus auf, in dem sein Vater Country-Platten von Patsy Cline und Waylon Jennings hoch und runter spielte, während sein Bruder eine Gitarre besaß, die Jared wie der verbotene Apfel anstarrte. Es war die klassische Midwestern-Erziehung: Bodenständig, hart arbeitend und ohne jeden unnötigen Schnickschnack. Mit 14 packt es ihn. Er krallt sich die Akustikgitarre seines Bruders und fängt an, Riffs nach Gehör zu kopieren. Aber er will den elektrischen Kick. Er schließt einen Deal mit seinem Alten ab: Wenn er Black Sabbaths „Electric Funeral“ innerhalb einer Stunde spielen kann, kriegt er eine E-Gitarre. Spoiler: Er hat es geschafft. Sein Vater schleppt ihn zu irgend einen Laden und kauft ihm eine 99-Dollar-Billigkopie einer Les Paul von Washburn. Jared reißt die Verzerrung auf und taucht ab in die Welten von Led Zeppelin und Pink Floyd.
Jared lernt nicht, er inhaliert die Musik, wie andere Teenager Pornos. Er hockt stundenweise in seinem Zimmer und transkribiert Solos von Stevie Ray Vaughan und Albert King direkt von der Platte. Keine Lehrer, kein Theorie-Geschwafel, nur Obsession. Zwei Wochen nachdem er die Gitarre bekommt, schleppt seine Mutter ihn zu einer lokalen Blues-Jam. Wir reden hier nicht mehr über hübsche Melodien oder Lagerfeuer-Gitarre. Er geht auf die Bühne mit den alten Haudegen. Veteranen wie Big Jim Johnson nehmen ihn unter ihre Fittiche. Während Teenager-Kollegen auf Partys gehen, spielt Jared jede Nacht in den schmierigsten Clubs und Bars rund um Milwaukee. Mit 21 hat er bereits über 500 Gigs auf dem Kerbholz. Er ist keine Nachwuchshoffnung mehr, er ist eine kampferprobte Sau. 2010 packt er seinen Scheiß und zieht nach Los Angeles. Er schreibt sich am Musicians Institute ein, aber nicht um zu studieren, sondern um die Stadt zu einzuebnen. Er gewinnt alles, was nicht niet- und nagelfest ist: 2010: Den Jerry Horton Contest. 2011: Den Les Paul Tribute Contest. 2011: Den „Outstanding Guitarist“ Award.
Und hier passiert das Wunder: Er lässt das Plektrum weg. Er merkt, dass er mit seinen bloßen Fingern mehr Dreck und Dynamik aus den Saiten holt als mit Plastik. 2012 rotzt er die EP Live at the Viper Room raus. Drei Tracks, live, mitten ins Gesicht. Die Fachpresse (Guitar World, etc.) kriegt kollektive Schnappatmung. 2015 – 2019: Mit den Göttern am Tisch 2015 kommt das erste Full-Length-Album Old Glory & the Wild Revival. Er ist jetzt Gibson- und Blackstar-Botschafter. Er tourt nicht nur, er belagert die Welt: Er eröffnet für Kid Rock. Er tourt mit Lynyrd Skynyrd durch Europa (Gary Rossington holt ihn sogar für Solos auf die Bühne). Er spielt über 50 Shows mit ZZ Top. 2017 folgt Black Magic. Das Ding wurde zum Teil in Johnny Depps Studio in Frankreich aufgenommen. Es ist dreckig, es ist kurz, es ist purer Rock 'n' Roll ohne Fettpolster. 2019 setzt er mit „Nails in the Coffin“ ein fettes Ausrufezeichen hinter diese Ära. Dann kommt Corona. Die Welt steht still.
Touren werden abgesagt. Jared nutzt die Zeit zur Selbstreflexion und veröffentlicht „Threw Me to the Wolves“. Er zieht nach Nashville um. Er merkt: Gear-Obsession ist für Amateure. Er schmeißt seine riesigen Pedalboards weg. „Simplicity set me free“, sagt er. Er reduziert alles auf einen Amp, eine Gitarre mit einem P-90 Pickup und seinen alten 1982er Tube Screamer, den er seit er 15 ist, wie einen heiligen Gral hütet. 2023 erscheint das Album „Jared James Nichols“. Er nimmt es im Blackbird Studio in Nashville auf. Drei Typen in einem Raum, direkt auf Band, keine Korrekturen. Er liefert sich Gitarrenschlachten mit Joe Bonamassa und Zakk Wylde. Anfang 2026 steht er vor seiner größten Tour. Er hat begriffen, dass es nicht reicht, dem Publikum nur 90 Minuten lang Noten um die Ohren zu hauen. Er kollaboriert mit Songwriter-Größen wie Tyler Bryant, um echte Hymnen zu schreiben. Seine neue Single „Ghost“ ist der Vorbote für ein Album, das den Fokus auf das Songwriting legt, ohne die „Blues Power“-Aggression zu verlieren.