ichard Fortus wurde 1966 in St. Louis geboren. Nicht in irgendeinem chaotischen Trailerpark mit kaputtem Radio, sondern in einem Haus, in dem Verstärker praktisch Familienmitglieder waren. Sein Vater war Buchhalter. Klingt langweilig. War es nicht. Der Mann war Mitinhaber von St. Louis Music. Crate. Ampeg. Alvarez. Während andere Kids mit Plastikgitarren spielten, lief Richard zwischen echten Amps herum. Mit vier bekam er eine Geige. Mit fünf ein Schlagzeug. Nicht aus Rockstar Träumen, sondern weil seine Eltern dachten: Bildung. Disziplin. Kultur. Also Suzuki Methode statt Powerchords. Händels Messiah mit zwölf statt Kiss Make Up. Das Ergebnis? Eine linke Hand wie aus Stahl und ein musikalisches Fundament, das so stabil war, dass später selbst eine Les Paul nur noch wie eine logische Weiterentwicklung wirkte. Mit neun erbte er die Plattensammlung seiner Eltern. Beatles. Stones. Humble Pie. Das war kein nettes Hintergrundrauschen. Das war die Initialzündung. Dann kam Prog Rock. King Crimson. Yes. Genesis.
Komplex, nerdig, verkopft. Er war komplett drin. Und dann hört er The Clash. Und plötzlich ist alles andere egal. Nicht Mötley Crüe. Nicht Ozzy. Das hat ihn null interessiert. Glam Rock? Schulterzucken. The Clash? Das war die Religion. Von komplizierten Taktarten direkt zu drei Akkorden und einer Haltung. Willkommen im echten Leben. Mit zwölf kauft er sich eine Electra Gitarre. Und was für andere ein mühsamer Übergang wäre, war für ihn fast unfair einfach. Geige hatte seine Finger vorbereitet. Schlagzeug hatte sein Timing geschärft. Die Gitarre war nur das fehlende Puzzleteil. 1984 gründet er The Eyes. Midwest Clubs. Schweiß. Kabelsalat. Die Band wird regional groß. 1990 unterschreiben sie bei Atlantic, nennen sich Pale Divine, veröffentlichen 1991 Straight to Goodbye. Und dann passiert das, was im Musikgeschäft fast schon ein Initiationsritus ist: Major Label Gleichgültigkeit. Zu wenig Promo.
Zu wenig Verkäufe. Ende. Das ist der Moment, an dem viele entweder verbittert werden oder anfangen, Reality TV zu schauen. Fortus macht weiter. 1992 gründet er mit Richard Butler Love Spit Love. Alternative Rock, düster, intelligent. Sie landen mit How Soon Is Now? im Soundtrack von The Craft. Szene Respekt. Kein Stadion Hype. Aber echte Substanz. Parallel wird er zum Studio Söldner. Und zwar quer durch alles. Hip Hop. R&B. Elektronik. Puff Daddy. ODB. DMX. RZA. Meist ohne Credit. Und das ist der interessante Punkt: Es hat ihn nicht gestört. Er wollte spielen. Lernen. Arbeiten. Er sagt selbst: Wenn ich nicht arbeite, werde ich depressiv. Das ist kein Rockstar Ego. Das ist ein Arbeitsjunkie mit Gitarrenfetisch. Apropos Fetisch. Der Mann hat ein ernsthaftes Equipment Problem. Gitarren überall. Effektpedale stapelweise. Alte Marshalls wie andere Leute Oldtimer. Sein Lieblings Marshall? Ein 100 Watt Jose Mod von 1973, gekauft von Mick Mars.
Produzenten versuchen ständig, ihm das verdammte Teil abzukaufen. Er versucht seit Jahren, es perfekt klonen zu lassen. Niemand bekommt es hin. Bis Voodoo es schafft. Und er lässt sich gleich mehrere bauen. Backup für den Backup. Er nennt es selbst eine ständige Suche nach dem perfekten Sound. Das ist keine Floskel. Das ist Obsession. 1999 ruft Guns N Roses an. Vorspielen. Kurz davor bekommt Buckethead den Job. Timing ist eine fiese Sache. Zwei Jahre später wieder ein Anruf. 2001 steht er im Raum mit Axl Rose. Er dreht an seinem Amp, sucht den richtigen Ton und spielt einfach zum Testen den Anfang von Stray Cat Blues von den Stones. Nicht als Bewerbung. Nicht als Show. Nur um den Sound zu checken. Axl hört das und sagt: Wow. Stray Cat Blues. Manchmal entscheidet nicht das perfekte Solo, sondern der perfekte Ton. Er bekommt den Job. Chinese Democracy war größtenteils fertig geschrieben. Er nimmt Teile neu auf, fügt Layer hinzu.
Ironischerweise wird er auch geholt, weil Axl Musiker will, die mitdenken, mitschreiben können. Eine Band, nicht nur Angestellte. Dann 2008. Chinese Democracy erscheint. Ein Album, das länger gebraucht hat als so manche politische Reform. Parallel spielt er bei Repo! The Genetic Opera mit. Eine Rockoper über Organempfänger, die ihre Rechnungen nicht zahlen und dann brutal abgeholt werden. Er sagte selbst, es hätte ein totales Desaster werden können. Genau das mochte er. Entweder komplett schlecht oder komplett großartig. Kein Mittelmaß. Das beschreibt eigentlich seine ganze Karriere. Kein Mittelmaß. Kein klares Image. Keine einfache Schublade. Er geht mit Rihanna auf Tour. Weil die Band gut ist. Weil es Spaß macht. Weil Musik Musik ist. Er steht auf Country Gitarristen, Bluegrass, B Bender Spielereien. Würde sofort einen coolen Country Gig annehmen. Hat sogar in einer Zydeco Band gespielt.
Und dann ist da noch Guns N Roses. Eine Band, die historisch an Egos implodiert ist. Und wer überlebt dort seit 2001? Der Typ, der sagt, es geht ihm nicht darum anzugeben. Der offiziell Rhythmusgitarrist ist, aber problemlos Leads spielt. Der lieber dient als posiert. Das ist die eigentliche Ironie. Richard Fortus ist wahrscheinlich einer der kompetentesten Gitarristen im modernen Rockzirkus. Klassisch ausgebildet. Studio Veteran. Genre Chamäleon. Sound Nerd. Und trotzdem kein Rampenlicht Junkie. Er ist nicht der lauteste im Raum. Er ist der, der den Raum stabil macht. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum er immer noch da ist, während andere nur noch Legenden oder Fußnoten sind. Das ist kein Rockstar Märchen. Das ist die Geschichte eines Mannes, der Musik wichtiger nimmt als Mythos. Und genau deshalb funktioniert er.