Geboren in Manchester als Sohn irischer Katholiken, schien sein Weg eigentlich vorgezeichnet: katholische Schule, anständiger Job, Klappe halten. Doch seine Eltern hatten andere Pläne für ihn und verpassten ihm von klein auf so eine geile Frisur, dass die Nachbarschaft ihn nur noch „Bonehead“ nannte. Sein Schädel glänzte wahrscheinlich wie eine frisch polierte Bowlingkugel. Seine echten Freunde nannten ihn liebevoll „Paul“, aber der Name Bonehead blieb kleben wie altes Bier am Kneipenboden. 1981 flog er aus der Schule und schuftete erstmal als Verputzer. Bevor dieser Mann die Rhythmus-Gitarre einer der größten Bands der 90er schrubbte, hat er also Wände glattgezogen. 1984 gründete er seine erste Band Pleasure and Pain und lernte etwa zur selben Zeit Kate kennen, die Frau, die es tatsächlich sein ganzes Leben lang mit ihm aushalten sollte. Ende der 80er scharrte Bonehead seine Kumpels Paul „Guigsy“ McGuigan, Tony McCarroll und Chris Hutton um sich, um die Band The Rain zu gründen.
Die Truppe war musikalisch gesehen ein absoluter Trümmerhaufen. Aber sie war das Sprungbrett direkt in die Geschichtsbücher mit Alkohol, Weltherrschaft und Tränen. Der Wendepunkt kam, als sie den mittelmäßigen Sänger Chris Hutton rausschmissen und durch einen gewissen Liam Gallagher ersetzten. Liam hatte direkt zwei Ideen: Die Band in Oasis umzubenennen und mit Bonehead als Songwriting-Partner durchzustarten. Aber der echte Urknall passierte erst, als Liams älterer Bruder Noel von seiner Tour als Roadie für die Inspiral Carpets zurückkehrte und das Ruder übernahm. Als Noel der Band zum ersten Mal den Song „Champagne Supernova“ auf der Akustikgitarre vorspielte, saß der harte Handwerker Bonehead da und weinte Tränen in sein Bier, weil die Nummer einfach so verdammt gut war. Das war auch der Moment, in dem allen klar war: Das hier wird sowas von gigantisch.
Während die Gallagher-Brüder sich ununterbrochen die Köpfe einschlugen wie zwei besoffene Kneipenschläger und ihre Devotion für Manchester City herausschrien, saß Bonehead als treuer Manchester-United-Fan friedlich mittendrin. Er war nicht der Typ für lange Soli, er war das betonharte Rhythmus-Fundament, das die Bude zusammenhielt. Er zimmerte die Soundwände auf (What’s the Story) Morning Glory?, bediente das Piano und zauberte das Mellotron herbei. Er strahlt dir im Booklet von Definitely Maybe entgegen und ist im Video zu „Don’t Look Back in Anger“ nicht zu übersehen. Als Bassist Guigsy auf einer US-Tour spontan hinwarf und dessen Ersatz Scott McLeod mitten in der Tour ebenfalls verduftete, schnappte sich Bonehead ohne mit der Wimper zu zucken einfach den Bass und drückte das verdammte Gaspedal durch. Eigentlich sollte Bonehead sogar den Gesang für den Bonustrack „Bonehead’s Bank Holiday“ übernehmen.
Der Plan scheiterte spektakulär daran, dass er und Liam sich vor der Studio-Session so gottlos besoffen haben, dass sie keinen geraden Ton mehr herausbrachten. Sie lallten nur noch wie zwei abgestochene Seebären. Noel musste einspringen und den Hauptgesang übernehmen, während Bonehead und Liam völlig dicht den Hintergrundchor gaben. Der Abgang war sowas wie: Scheiß auf die Millionen, ich gehe heim. 1999, mitten in den Aufnahmen zum vierten Album Standing on the Shoulder of Giants, zog Bonehead die Reißleine. Während andere ihr Leben für den Rockstar-Traum opfern würden, drückte er den Stop-Knopf. Er hatte einfach die Schnauze voll vom Zirkus und wollte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Noel Gallagher versuchte den Abgang zwar erst herunterzuspielen („Ist ja wohl kaum so, als hätte Paul McCartney die Beatles verlassen“), musste aber später zähneknirschend zugeben, dass Bonehead schlicht und ergreifend „der Spirit von Oasis“ war. Mit ihm ging die Seele der Band.
Gem Archer übernahm seinen Platz, aber die magische Kneipen-Energie war für immer dahin. Sein Leben danach widmete er dem Motto: Wer rastet, der rostet. So ein Typ der Bonehead heißt, setzt sich nicht mit seinen Millionen auf die faule Haut und züchtet Rosengärten? Er baute sich als Erstes ein professionelles Tonstudio direkt unter sein Haus in Manchester und machte einfach genau das, worauf er Bock hatte. Er gründete Moondog One (eine Anspielung auf die frühen Beatles) zusammen mit Mike Joyce und Andy Rourke von The Smiths. 2004 flog er nach Thailand, schloss sich dem Rockstar Sek Loso an und tourte als Loso's English Band durch Asien, Europa und die USA. Zudem spielte Bass für die Electric Milk Band an der Seite von Ex-Mitgliedern der Happy Mondays und rockte Benefiz-Konzerte gegen Krebs. Er wurde zu einem gefragten DJ, ballerte Oasis-Klassiker und Gallagher-Features mit Death in Vegas oder den Chemical Brothers durch die Clubs und moderierte seine Radiosendung bei BBC Radio Manchester.
Als Gem Archer sich 2013 am Kopf verletzte, war es natürlich Bonehead, der sofort ans Telefon ging und bei Liams damaliger Band Beady Eye einfand. Aus dem Aushilfsjob wurde eine dauerhafte Wiedervereinigung: Er spielte auf Liams Soloplatten Gitarre (wie bei „Bold“) und Keyboard („For What It’s Worth“). 2018 stand er vor zehntausenden Fans im Old Trafford Cricket Ground zusammen mit Liam, Richard Ashcroft und Liams Sohn Jude auf der Bühne, um „Live Forever“ in den Himmel zu brüllen. 2021 rockte er das Reading Festival. Und selbst als ihn fiese gesundheitliche Rückschläge 2022 und 2023 zwangen, eine Pause einzulegen, ließ er sich nicht unterkriegen: 2024 kehrte er fulminant auf die Bühne zurück. Bonehead ist der ultimative Beweis dafür, dass du zur Legende wirst, wenn du dein Instrument beherrschst, deine Kumpels nicht im Stich lässt und immer genau weißt, wann es Zeit für das nächste kühle Bier ist.